Organspende: Gehört der eigene Körper bald dem Staat?

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Jeder, der nicht zu Lebzeiten ausdrücklich „Nein“ sagt, soll nach dem Tod zum Organspender werden. Dies verlangt die Schweizer Volksinitiative «Organspende fördern – Leben retten». Laut der Bundeskanzlei sind über 112.000 gültige Unterschriften eingereicht worden. Die Initiative kommt somit voraussichtlich zur Abstimmung vor das Schweizer Volk. Getragen wird die Organspende-Initiative von der Jeune Chambre Internationale, einer Stiftung mit Sitz in St.Louis. Sie ist in mehr als hundert Ländern tätig. Zu den Mitgliedern gehören Persönlichkeiten wie Bill Clinton oder Al Gore. Das Schweizer Wochenmagazin „Die Weltwoche“ hat sich im kürzlich erschienenen Artikel „Was braucht ein Toter noch ein Herz?“ mit diesem Thema befasst, denn die Unsicherheiten bezüglich der Volksinitiative sind groß. Das Thema schlägt derzeit auch unter den Medizinern Wellen zur Frage, ob ein Organspender zum Zeitpunkt der Organentnahme am Sterben und demnach noch nicht tot sei. Es stellt sich aber auch die Frage, wie weit sich eine Initiative in die persönliche Angelegenheit des eigenen Körpers einmischen darf. Gehört der eigene Körper bald dem Staat? Hören Sie nun einen Auszug aus dem Artikel der Weltwoche:

«Jüngst hat eine kleine Gruppe von Ärzten und Pflegefachleuten auf sich aufmerksam gemacht, welche die Organentnahme am Lebensende grundsätzlich für unhaltbar erachten. In einem kürzlich erschienenen Artikel der Schweizerischen Ärztezeitung schreiben sie, dass Organspender zum Zeitpunkt der Organentnahme am Sterben noch nicht tot seien. Einzig auf den Hirntod eines Patienten abzustellen, wie dies heute getan werde, sei ein Fehler: Auch das Sterben des Körpers sei für das Sterben des Menschen bedeutsam. […] Gleichwohl ist es paradox, sich vorzustellen, dass ein Toter lebende Organe spenden kann. Und die Annahme, dass der Nachweis eines Todes immer eindeutig gelinge, ist nicht über jeden Zweifel erhaben. […] In der Schweiz dürfen die Ärzte trotzdem bereits fünf Minuten, nachdem der Herztod und dann auch der Hirntod festgestellt wurden, mit der Organentnahme beginnen. […]

Schon jetzt rühren immer mehr und minder bekannte Personen wie Politiker und Künstler die Werbetrommel, zeigen ihren Organspendeausweis und fordern die Bevölkerung dazu auf, es ihnen gleichzutun und als Donator [Erklärung: Spender] Menschenleben zu retten. Die Organspende wird damit fast schon zur moralischen Pflicht emporstilisiert, das körperlich intakte Sterben als egoistischer Akt abgetan. Doch darf man bei der Vorstellung, dass das eigene Herz im Körper eines fremden Menschen weiterschlägt, wirklich kein mulmiges Gefühl haben? Die Initianten betonen, dass die Selbstbestimmung in jedem Fall gewahrt bliebe, weil ja niemand zur Organspende gezwungen werde, man könne schließlich „nein“ sagen. Das stimmt, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass auch der Hinterletzte weiß, wie ihm im Falle seines Todes geschieht. Dass er riskiert, als Einzelteil in einem anderen Körper weiterzuleben, wenn er nicht rechtzeitig sein Veto einlegt. Man müsste die Leute also schon in jungen Jahren dazu zwingen, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen. Und allenfalls seinen Entscheid gegen die Organspende zu fällen, sonst würde ihr sterbender Körper von Gesetzes wegen zu einem öffentlichen Gut. Hierin liegt der eigentlich revolutionäre Ansatz der Volksinitiative: Sie würde in einem Bereich, wie er höchstpersönlicher nicht sein kann, die Beziehung von Individuum und Staat auf den Kopf stellen. Der eigene Körper gehörte dann in erster Linie der Medizin, der Allgemeinheit, dem Staat – und nicht mehr einem selber, unbedingt und vorbehaltlos.»

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